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Conference Villa Vigoni „Popularität und Populismus als Formen der Integration/Disgregation“

Popularität und Populismus als Formen der Integration/Disgregation

(Interdisziplinäre Tagung in der Villa Vigoni, 10. – 13. Oktober 2019)

Die Tagung will den Versuch unternehmen, den Begriff der Integration auf das Spannungsfeld von Popularität und Populismus zu beziehen. Dabei stehen die dem Integrationsbegriff in seinen verschiedenen Verwendungsweisen impliziten, je unterschiedlichen, aber durchaus aufeinander bezogenen Formen von Inklusion und Exklusion im Mittelpunkt des Interesses. So kann analysiert werden, welche Strategien politischer Gemeinschaftsbildung sich mit Popularität und/oder Populismus jeweils verbinden. Es soll also – in einer durch Fallstudien beleuchteten, historisch kontrastiv angelegten Reihe – um die Bindungskräfte gehen, die die Gemeinschaft (nicht die Gesellschaft) in eine (soziale) Form bringen (Verkörperungsformen, Masse, Netzwerke etc.).

Die Tagung organisiert sich in vier Sektionen:

Sektion 1:

Die Hypothese, von der die Tagung ausgehen könnte, wäre, dass Formen sozialer Auszeichnung (Ruhm, Charisma, Popularität, auch die Bedeutung von ‚Ideen‘, ‚Konzepten‘ wie sensus communis) auf lange Sicht zumindest die alteuropäischen Gesellschaften in ihrer (durchaus asymmetrisch gestaffelten) Gemeinschaftsvorstellung an jenem Punkt zu bündeln versuchten, an denen Zusammenhalt durch den Bezug auf einen Dritten (Heros, Feldherr, Herrscher, politischer Führer …) oder auf etwas Drittes (Reich, Monarchie, Republik …, aber auch Sprache) vor Augen zu stellen war. Zu fragen wäre, mit welchen Strategien, Inszenierungen, Symboliken und ‚Rhetoriken‘ solches ‚Bindevermögen‘ zu erzeugen versucht wurde, welche Rückgriffe auf die Vergangenheit vorgenommen werden, ob es performative Transformationsschritte gegeben hat und welche Wirkkräfte dieser Form sozialer Auszeichnung für Gemeinschaftsbildungen bis heute festzustellen sind.

Sektion 2:

Eine andere Form des sozialen Bindevermögens, die bereits die alteuropäischen Gesellschaften charakterisiert, ist ebenfalls mit Popularität assoziiert, aber eher im Sinne von Populärkultur. Populärkultur wäre dann zu verstehen als Verfahren, Verbindungen zu erzeugen, die der dominanten Struktur der gesellschaftlichen Differenzierung zuwiderlaufen – sei es, indem sie Hierarchien unterlaufen bzw. umkehren, sei es, indem sie nicht vorgesehene Querbezüge und unwahrscheinliche Allianzen artikulieren. Diese Form der sozialen Bindung wird beispielsweise in Karnevalskulturen aktualisiert, ist aber auch mit Korruption konnotiert, also mit der unzulässigen Verquickung funktional getrennter Bereiche (man verzi verbunden. Auch mit Blick auf das Populäre der Populärkultur stellt sich die Frage nach den Rhetoriken, in denen es sich entfaltet (z.B. Lied und Popsong, Persiflage), nach den Institutionen, die ihm einen Ort geben (Karneval, Sport, Disco), den Sprachen und Symbolen, die es findet (z.B. Jugendsprache oder ‚Kiezdeutsch‘), und natürlich nach den Transformationen, die es erlebt hat, beispielsweise an der Epochenschwelle um 1800.

Sektion 3:

Bleibt im Falle von Populärkultur häufig latent, wogegen sie sich eigentlich jeweils richtet, etabliert sich im Populismus eine Beschreibung von Gesellschaft, welche die Beziehung von politischer Führung, ‚Establishment‘ etc. und Volk dichotomisch gestaltet und postuliert, dass ‚ein Riss durch die Gesellschaft geht‘. Aktuell bauen die Gemeinschaftsvorstellungen populistischer Bewegungen typischerweise gerade auf diesem Riss auf und versuchen, eine Inklusion durch Exklusion zu erzeugen. Dieses Kippen von Popularität in Populismus gilt es gesondert in den Blick zu nehmen. Ab wann, wäre als erstes zu fragen, wird diese Fremdbeschreibung als ‚populistisch‘ überhaupt kurrent und setzt sich von ‚populär‘ ab (Fallstudie zur historischen Semantik beider Begriffe). Und welche Form des ‚WIR‘ wird in populistischen Bewegungen elaboriert (bleibt das ‚WIR‘ leer und speist sich nur als amorphe ‚Wutmenge‘ aus der Markierung der ‚Laster‘ der Anderen)? Dies führt zu Formen des Konfliktes, der Codierung des Hasses, zu den Semantiken von Verrat, also zu den Topiken des Populismus, die Instrumentalisierung solcher Topiken, auch zum Versuch der Usurpation von Aufklärung, die wiederum mit einer neuen Vorstellung von Expertise zu koppeln ist (WIR sind selbst Fachleute, wir benötigen keine ‚Lügenpresse‘ und keine Gate-Keeper, die uns ideologisch selegierend die wichtigsten Nachrichten vorenthalten). Wünschenswert wären hier ebenso Fallstudien zum gegenwärtigen Populismus in den USA, in Russland und in Italien wie zum Populismus in historischer Dimension (etwa: Welche populistischen Elemente hatte die Französische Revolution?). Und ebenfalls zu beleuchten wäre, ob und, wenn ja, welche Elemente von ‚Popularität‘ auch im Populismus noch nachwirken.

Sektion 4:

Dies führt zu einem letzten Bereich, der das Ziel verfolgt, das ‚Nachrichtensystem‘, die Kommunikationsmedien von ‚Popularität‘ und ‚Populismus‘ und die damit einhergehenden Veränderungen des Öffentlichkeitsbegriffs in den Blick zu nehmen. Dies meint sowohl den Status der ‚Nachrichten‘ (FamaKommunikation) als auch die Transformation und Kombination der Verbreitungsmedien (zwischen mündlicher Kommunikation, schrift-, druck- und bildbasierten Formen), die technologischen Übertragungswege und die Ordnungen der Nachrichtenproduktion, -distribution und -rezeption (Gate-Keeper Ordnungen vs. ‚Schwarmkommunikation‘ mit Emergenz-Effekten), die damit jeweils verbundenen Effekte für die Textsorten und für die Text- wie Informationskomplexität, die Überführung von Öffentlichkeit in Öffentlichkeiten, den Wechsel von Öffentlichkeit und physischer Aktion (Massenbewegungen, Flash Mobs etc.), die Formen und die energetische Aufladung der Auseinandersetzung u.a.m. Auch hier soll es um die wechselseitige Bezogenheit einer ‚alten‘, an ‚kommunikativer Öffentlichkeit‘ und unterschiedlichen Formen von Popularität orientierten Kultur und neuen, technologisch vor allem auf Netzkommunikation beruhenden Formen gehen, in die der Populismus sich jeweils einschreibt.

 

Teilnehmerzahl: ca. 20 Personen

Format: Gedacht ist an eine Mischung aus Grundsatz- und kürzeren Beiträgen.

October 10-13, 2019                          

Till Dembeck (till.dembeck (at) uni.lu)