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MIS-Symposium 2016 – Borderscape as an Interdisciplinary Concept

Nach dem Workshop im März 2015 fand am 8. und 9. April 2016 an der Universität Luxemburg das Symposium „Borderscape as an Interdisciplinary Concept“ statt. Es wurde von der Key Area MIS in Zusammenarbeit mit dem UniGR-Center for Border Studies organisiert. Ziel des Symposiums war es, das Potential des Borderscape-Konzeptes für theoretische und programmatische Debatten sowie für die empirische Analyse von Phänomenen der Grenze auszuloten. Hier steht der detaillierte Bericht zum Symposium zum  Download bereit.

Keynote Speaker: Chiara Brambilla

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Chiara Brambilla (Universität Bergamo) als erster Keynote Speaker leuchtet das konzeptionelle und methodologische Potenzial von „Borderscape“ aus und stellt damit den Reflexionsrahmen vor für das gesamte Symposium. Als Anthropologin interessiert sie sich für die gegenhegemonialen kulturellen Erfahrungen im mediterranen Grenzraum und zeigt anhand ihrer Forschungsarbeiten die Notwendigkeit auf, neue konzeptionelle Instrumente zu entwickeln.

Sitzung I: Ästhetik und Grenzen

Die erste Sitzung behandelt die Beziehungen zwischen Ästhetik und Grenzen. Anne Sturm (University HI. Kyrill and Method) vergleicht zwei Romane der Migrationsliteratur, geschrieben von Autoren, die aus Bulgarien nach Deutschland geflohen sind. Ilija Trojanows und Dimitré Dinevs erzählen beide die Geschichte von Personen, die beschließen, die deutsche Grenze zu überschreiten, was eine existenzielle Veränderung mit sich bringt, die die Forscherin mit der Überfahrt über den Styx in der Antike in Verbindung bringt. Die Kunsthistorikerin Pamela Bianchi (Université Paris 8) interessiert sich ihrerseits für mehrere Künstler, die die museographischen Grenzen thematisieren; sie wendet das Borderscape-Konzept auf die Ausstellung zeitgenössischer Kunst an. Schließlich stellen Juan-Manuel Trillo-Santamaría und Valerià Paül (Universität Santiago de Compostela) ihre Überlegungen vor, die Geographie und Literatur verbindet, und machen den Begriff der border poetics stark, der border studies und landscape literature zusammenbringt.

Sitzung II: Bildung und die Grenzen

Die Beiträge der zweiten Sitzung berücksichtigen Grenzen in ihrem Verhältnis zu Bildung und Didaktik. Machteld Venken (Universität Wien) interessiert sich für die Organisation der Ausbildung in den von Deutschland verlorenen deutschsprachigen Regionen nach dem Versailler Vertrag. Clea A. Schmidt (Universität Manitoba) wiederum untersucht die verschiedenen Barrieren, mit denen Migranten konfrontiert sind, die in der Provinz Manitoba (Kanada) als Dozenten tätig sind. Sie fordert eine Überwindung der konservativen Ideologie, die ein Lehrideal vorgibt, das nicht der Realität entspricht und die Migranten anhält, kanadische linguistische Kriterien zu übernehmen.

Sitzung III: Ästhetik und Borderscapes

unspecifiedgDie dritte Sitzung kommt auf die Frage der Beziehungen zwischen Ästhetik und Borderscape zurück. Dorothée Cailleux (Université de Paris Ouest Nanterre la Défense) nimmt eine geokritische Perspektive ein und betrachtet literarisches Schaffen als eine Form von Borderscaping. Die Forscherin untersucht, inwiefern das Werk von Günter Grass dazu beiträgt, die Wahrnehmung der grenznahen Landschaften der Stadt Danzig, des wiedervereinigten Deutschlands und der deutsch-polnischen Grenze zu verändern. Regina Range (Universität Alabama) setzt auf das Studium der geographischen und ideologischen Grenzen in Bezug auf die Frage des Feminismus‘, wie sie sich bei der Regisseurin Gina Kaus stellt. In ihren Erzählungen inszeniert Kaus Exil und Grenzüberschreitung als eine Chance, eine Taktik, die es ermöglicht, sich selbst neu zu erfinden.

Keynote Speaker: Ana Maria Manzanas-Calvo

Der zweite Keynote Speaker, Ana Maria Manzanas-Calvo (Universität Salamanca) analysiert zwei Filme (Babel und Sleep Dealer) in Verbindung mit dem Borderscape-Konzept, wofür sie eine Kartographie aus mehreren Metaphern vorstellt. So sei die Grenze ein „Mutant“, der sich je nach Person, die sie überschreiten will, ändert; mit diesem Gedanken kann an die grundlegende Ungleichheit der Personenfreizügigkeit angeknüpft werden: Je nach Reisepass, den man besitzt, ist eine größere oder kleinere Anzahl von Ländern zugänglich. Für die Forscherin sind Grenzen auch Orte der Gemeinheit, d.h. Orte, in denen der Sinn zusammenbricht. Daher sollte man, um gegen Borderscape als Powerscape zu kämpfen, die Gastfreundschaft betonen als eine Haltung, die Grenzen verschwimmen lässt und deaktiviert.

Keynote Speaker: Isabel Marcos

unspecifiediDie Keynote Speaker Isabel Marcos (Neue Universität Lissabon) zieht es vor, anstelle von Borderscape den Begriff der „Vergrenzung“ („mise-en-frontière“) zu verwenden. Der Begriff sollte in seiner räumlichen und zeitlichen Dimension verwendet werden, die Körper und Sinne vereint. In anderen Worten: Die Grenze wird hier als eine geschichtete dynamische Morphologie konzipiert, die in Raum und Zeit verläuft, was die Semiotikerin zum semiophysischen Ansatz von René Thom führt, mit dem sie verschiedene Analysen durchführt.

Sitzung IV: Wir/Ihr als Borderscaping

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Die Referenten der vierten Sitzung konzentrieren sich auf randständige Themen: Abfall und Prostitution. Kateryna Pashkovska (Universität Alberta) stellt ihre in der Republik Karelien durchgeführte ethnografische Forschungsarbeit vor. Ihr Projekt zeigt, inwiefern die Integration einer Person in ihrem sozialen Umfeld im Zusammenhang steht mit alltäglichen Mülltrennungspraktiken. Die Kategorisierung Wir/Ihr ist hier eng verknüpft mit den Mülltrennungspraktiken der Einwohner. Simone Sauer-Kretschmer (Ruhr-Universität Bochum) fragt, inwiefern Medien, TV-Serien und Literatur eine besondere Darstellung von  Prostitution vermitteln. Während die endlose Debatte über dieses Thema sich auf die Dichotomie dafür/dagegen reduzieren lässt, gibt der Schriftsteller Clemens Meyer den Prostituierten in seinen Romanen eine Stimme. Die TV-Serie The Team nähert sich der Prostitution insofern unter dem Blickwinkel des Borderscape, als die Frage des Menschenhandels inszeniert wird, der selbst innerhalb von Europa stattfindet.

Sitzung V: Nationale und religiöse Grenzen

Die letzte Sitzung des Symposiums beginnt mit einem Beitrag von Mary Rose Sarausad (Asian Institute of Technology), die sich untersucht, wie Wanderarbeitnehmer in Südostasien bei der Grenzüberschreitung stets gezwungen sind, die geltenden Einwanderungsgesetze zu umgehen. Die Migranten in Thailand erhalten keine unbefristeten Visa, sondern müssen fortlaufend „border runs“ durchlaufen, um von einem angrenzenden Land einen Stempel in ihrem Pass zu erhalten, der es ihnen erlaubt, ihren Aufenthalt zu verlängern. Der Mediävist Felix Prautzsch (Technische Universität Dresden) interessiert sich seinerseits für die Grenze zwischen den Religionen im Mittelalter. Diese Grenze manifestiert sich insbesondere in der Antithese christlich/heidnisch, die noch heute unsere Vorstellungswelt prägt. In der Untersuchung verschiedener Heiligenlegenden (insbesondere die Legenda Major), stellt er fest, dass diese Grenzen niemals statisch sind; insbesondere in den Kreuzzügen werden sie fortlaufend neu verhandelt.

Konzeption und Organisation
Dr. Till Dembeck, Prof. Dr. Sonja Kmec, Prof. Dr. Birte Nienaber, Agnès Prüm, Prof. Dr. Nathalie Roelens, Dr. Christian Wille